Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum

Ausstellung im Haus der Geschichte Österreich (03.12.2021 – 08.01.2023)
Ausstellungsarchitektur, Wien (AT)

Foto: Klaus Pichler
Foto: Klaus Pichler

Nazi Zeug ausstellen

Gehört Nazi-Zeug ins Haus der Geschichte Österreich? Und wie soll ein Museum die Dinge, die Menschen auf dem Dachboden, im Keller, in der Verlassenschaft finden, ausstellen, welche und warum archivieren oder überhaupt entgegennehmen? In der Ausstellung Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum geht es um die „Entsorgung“ ins Museum: konkret von Dingen mit NS-Bezug, die jedenfalls aufgeladen, aber zum Teil banal sind. Wie kommen sie ins Museum, warum, durch wen, mit welchen Beweggründen, in welchen Verpackungen? Die Ausstellungsgestaltung antwortet auf die Problematik des Umgangs mit der Aufgeladenheit von NS-Objekten, indem sie sie nicht zusätzlich auratisiert. Die temporäre Ausstellung ist auf dem obersten Plateau („Alma-Rosé-Plateau“) der imperialen Stiegenanlage verortet, direkt neben dem Altan, der als „Hitler-Balkon“ selbst zu einer Art NS-Relikt wurde.

Aber zurück zum Start: Mit dem Kauf eines Tickets erhält jede Besucherin und jeder Besucher ein Kärtchen, auf dem ein Beispiel für aufgefundenes NS-Zeug abgebildet ist, samt der Frage, was man/frau im Fall eines Fundes damit machen würde. So empfängt die Ausstellung einen auch gleich mit drei Vermittlungsstationen, in denen es um eine Entscheidung geht: Zerstören, Aufbewahren oder Verkaufen? 1,2 oder 3, du musst dich entscheiden. So einfach? Die Stationen vermitteln eher die Komplexität dieser Entscheidung, etwa die unterschiedlichen Möglichkeiten eines „Verkaufens“ (über Ebay, auf dem Flohmarkt bis hin zum Dark Net), oder ob „Aufbewahren“ ein privates Behalten bedeutet oder aber, etwas für die Öffentlichkeit zu „erhalten“, indem das Objekt zum Beispiel an ein Museum, gesendet wird. Die ein Raum- und Verwandlungsdreieck bildenden Stationen sind interaktiv und kommunikativ, übersetzen die Ausverhandlung in offene, dynamische Formen als Tisch und drei Wände, auf denen das Kärtchen sichtbar für alle BesucherInnen je nach Entscheidung platziert werden kann.

Der zweite und zentrale Teil der Ausstellung führt von der Station des „Aufbewahrens“ zur Arbeit des Museums, die sich den als „Schenkungen“ übersendeten Dingen widmet. Auf einem großen, auf dem steinernen Plateau ausgelegten Büroteppich finden sich 14 einfache Arbeitstische für die Objekte sowie Beistelltische für deren Verpackungen. Wie ein Büro oder ein Arbeitsraum, in dem Museumseingänge erfasst und geprüft werden, die Ausstellung stellt ein Arbeitssetting dar. Auf den Tischen wird Museumsarbeit nachvollziehbar, indem die Schenkungen befragt, zugeordnet und auf ihren musealen Wert untersucht werden. Die Verpackung bietet nicht weniger Erkenntniswert: Im Fragen, wie die Objekte übersendet wurden, geht es darum, die Bandbreite an Geschichten, die mit den Dingen verknüpft sind, mit auszustellen (Scham, Stolz, Unsicherheit usw.). Die Tische sind von der einen Perspektive gesehen in strengen Fluchtlinien, von der anderen her lose angeordnet. Es gibt keine Reihenfolge, in der die Auseinandersetzung mit den einzelnen Objekten erschlossen werden soll, das Feld lädt zur freien Wahl und zum selbstinitiierten Studium ein. Die Bürostühle unterstützen bei der Vertiefung.

Nicht zuletzt liegt dieses Feld der täglichen Museumsarbeit inmitten einer räumlichen Klammer zu den größten Ausstellungsstücken: nach links der Ausgang zum Altan der Burg („Hitler-Balkon“) und rechts der Zugang zur Sammlung alter Musikinstrumente (SAM). Während sich eine überdimensionale, fast drei Meter hohe Ausstellungstafel bei der SAM institutionenkritisch mit der musealen Sammlung auseinandersetzt, thematisiert das gleich hohe Tafel-Pendant beim Altan, wie sehr hier das Bauelement „Hitler-Balkon“ selbst zu einem entsorgten Objekt wurde: nämlich insofern als das hdgö direkt neben dem Altan angesiedelt wurde – wobei dennoch keine aktive Geschichtsarbeit draußen möglich ist, solange die Öffnung dieses Balkons nicht gelingt. Belastete Dinge aus der NS-Zeit zu thematisieren, ebenso wie der Wunsch „Hitler zu entsorgen“, sind gerade an diesem Ort besonders naheliegend und vielsagend.

Text: Gabu Heindl

AuftraggeberIn
Haus der Geschichte Österreich

Planungszeit
2021

Ausstellungsdauer
03.12.2021 – 08.01.2023

KuratorInnen
Stefan Benedik, Laura Langeder, Monika Sommer

Ausstellungsgrafik
Theresa Hattinger, Maria Kanzler

Ausstellungsarchitektur
GABU Heindl Architektur
Gabu Heindl, Hannah Niemand

Montagen, Produktion Display Martina Berger/ Nägel mit Köpfen

Fotos
Klaus Pichler

Links
»Wie man Hitler entsorgt«, Monika Sommer, Stefan Benedik, Laura Langeder, in: Science Orf, 11.12.2021
»Hitler entsorgen – Umgang mit NS-Devotionalien«, dpa, in: Süddeutsche Zeitung, 12.12.2021
»Hitler entsorgen – Umgang mit NS-Devotionalien«, dpa, in: Stern, 12.12.2021
»Haus der Geschichte will in neuer Schau “Hitler entsorgen”«, in: Salzburger Nachrichten, 09.12.2021”

Foto: Klaus Pichler
Foto: Klaus Pichler
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